G8 oder doch G9?

| Kategorie: Kategorie: Meinung | 5 Minute(n) Lesezeit

Mit den Nerven am Ende, kein Durchschnaufen möglich – so oder so ähnlich klingt die Kritik an den frühen Abiturprüfungen von Schülerinnen und Schülern, aber auch von Lehrkräften in Rheinland-Pfalz.

Schülervertreter und der Philologenverband fordern in einem offenen Brief das Aus für “G8 und ein bisschen” und eine Rückkehr zu vollen neun Schuljahren und somit zum Abitur im Sommer.

Was nun, G8, G9 oder G8 und ein bisschen? Wir haben die Landesvorsitzende der rheinland-pfälzischen Schüler Union, Isabell Biersack, nach ihrer Meinung gefragt:

„Nach der Schule möchte ich Arzt werden und Leben retten!“, „Echt? Ich sehe mich da eher als Lehrer vor einer Klasse und vermittle Kindern neue Unterrichtsinhalte!“, „Ach was, mein Ziel ist es, später als Anwalt in einer eigenen Kanzlei zu arbeiten!“.

All das können exemplarische Berufswünsche von vielen Schülern in ganz Rheinland-Pfalz sein. Was an diesem Beispiel alle drei Berufe miteinander verbindet, ist die notwendige allgemeine Hochschulreife, das Abitur, um für ein Studium an einer Universität zugelassen zu werden.

Doch bis es dazu kommt, müssen Schüler in Deutschland durchschnittlich zwölf Jahre die Schule besuchen, oder wie im Fall von Rheinland-Pfalz 12,5 Jahre. Auch der Abschluss über das sogenannte „G9-System“, also das Erreichen der allgemeinen Hochschulreife nach 13 Jahren, ist nicht unüblich.

Da stellt sich oft die Frage: Welches System ist für die Schüler besser und welche Vor- sowie Nachteile bringen die verschiedenen Schulformen mit sich?

Isabell Biersack

Wenn man von einem „G9-System“ ausgeht bedeutet das, dass der Schüler die Mittelstufe von Klasse 5 bis Klasse 10 besucht und anschließend 3 Jahre Oberstufe bis zu den Abiturprüfungen absolviert. Dadurch haben die Schüler drei volle Jahre Vorbereitungszeit.

Bei dem sogenannten „G8-System“ verkürzt sich die Oberstufenzeit auf zwei Jahre mit den anschließenden Abiturprüfungen.

Einerseits ist es für Schüler durchaus attraktiv, das Abitur innerhalb von zwölf Jahren ablegen zu können, da diese somit ein Jahr früher ins Berufsleben einsteigen, ein Jahr früher Geld verdienen können und auch bereits ein Jahr früher anfangen, Steuern zu zahlen und Beiträge in die eigene Rente einzahlen. Auch, wenn man sich nach dem Abitur noch nicht sicher ist, welche berufliche Laufbahn man einschlagen möchte, ermöglicht das „G8-System“ eine Auszeit nach dem Abi, ohne Zeit zu verlieren. Zum Mini-Jobben, zum Reisen, zum Nachdenken, alles für die persönliche Entwicklung. Somit würde man nach zwölf Monaten Pause zeitgleich mit den Absolventen eines G9 Gymnasiums ein Studium oder eine Ausbildung beginnen. Bei 13 Jahren Schullaufbahn verschiebt sich der ganze Prozess um mindestens ein Jahr, solange man den Abschluss auch in Regelstudienzeit schafft. Also eigentlich sowohl für die zukünftigen Berufseinsteiger, als auch den Staat ein lukratives und sinnvolles System?

Nicht unbedingt, denn die Gesamt-Stundenanzahl des Oberstufenunterrichts wird bei G8 nicht reduziert, sondern nur auf weniger Schuljahre verteilt, da der Unterrichtsstoff nicht verkürzt wird. Das bedeutet für die Schüler deutlich mehr Lernstress! Dadurch können sich Schüler dem Lernpensum nicht gewachsen fühlen, leiden unter schulischem Druck und die Angst des Versagens steigt deutlich an. Um einem derartigen Pensum gerecht werden zu können, muss der Alltag eines Schülers klar strukturiert sein. Da das „Express-Abitur“ in zwei Jahren durchaus sehr viel Zeit in Anspruch nehmen kann, wird auch häufig ein Großteil der Freizeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichtes geopfert, wodurch deutlich weniger außerschulische Angebote genutzt werden. Somit bleibt der eigentlich etablierte körperliche Ausgleich durch den Besuch von Sportvereinen oder dem gewohnten Klavierunterricht oft auf der Strecke. Dieser Ausgleich und in ihre Bedeutung für die Sozial-Entwicklung der Schüler darf nicht unterschätzt werden!.

Eine weitere Schwierigkeit bringt auch das unterschiedliche Lernverhalten von Schülern mit sich. Wohingegen jene, die schnell lernen, durch das G8-System profitieren, haben andere deutliche Schwierigkeiten.

Die meisten Schulen in Rheinland-Pfalz haben eine Art „Mischform“ beider Systeme etabliert, denn bei uns machen die Schüler das Abitur nach 12,5 Jahren und das ist meiner Meinung nach auch gut so!

Das Lernpensum ist stramm, aber das halbe Jahr nach der 12. Klasse ermöglicht häufig viel Zeit, um gemeinsam zwei bis drei Monate vor den Abiturprüfungen gemeinsam mit der Klasse und den jeweiligen Lehrern alle Unterrichtsinhalte zu wiederholen. Somit wird man für die schriftlichen Prüfungen Anfang Januar gut vorbereitet. Nach der Absolvierung der mündlichen Prüfungen im Anschluss erhält man in Rheinland-Pfalz meistens im März das Abitur. Das bedeutet, dass man in der Theorie auch direkt zum Sommersemester mit einem Studium beginnen kann. Der Nachteil hieran ist, dass man die Bewerbungsfristen vor den Abiturprüfungen beachten muss, das Zeugnis an der Universität nachreichen muss, kaum Auszeit hat und in der Ungewissheit ist, ob man überhaupt das Abitur besteht, obwohl man sich schon an einer Uni beworben hat. Aus diesen Gründen ist mir aus meinem Abiturjahrgang 2022 kein Schüler bekannt, der so gehandelt hat.

Das Schöne am rheinland-pfälzischen Abitur ist, dass die Schüler zwischen der beendeten Schulzeit und dem Studienbeginn zum nachfolgenden Wintersemester ungefähr sechs bis sieben Monate Zeit haben, um zu verreisen, zu arbeiten, sich Gedanken über den beruflichen Werdegang machen können, einige Praktika belegen können und allgemein sehr viel Zeit haben, um sich für einen Studiengang zu entscheiden. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, dass das Studium nach den ersten zwei Semestern abgebrochen wird, um sich neu zu orientieren, deutlich gemindert. Die Unsicherheit der beruflichen Fachausrichtung, welche häufig nach dem Abitur besteht, wird dadurch entgegengewirkt, da kein Zeitdruck besteht und verschiedene Bereiche durch Praktika näher betrachtet werden können, was wiederum eine große Erleichterung für die Schüler darstellt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl das G8-, als auch das G9-System Vor- und Nachteile mit sich bringen, ich aber stark die 12,5 Jahre Schulzeit in Rheinland-Pfalz favorisiere, da der schulische Stress sich in Grenzen hält, die Freizeit und der außerschulische Ausgleich nicht aufgeopfert werden muss und nach dem Abitur bis zum beginnenden Wintersemester ausreichend viel Zeit bleibt, um sich für einen Beruf begeistern zu können und verschiedene Bereiche durch Praktika entdecken kann, falls nach der Aushändigung des Zeugnisses noch Unsicherheiten bestehen sollten.

Auch, wenn dies nur in Rheinland-Pfalz der Fall ist, Freunde aus anderen Bundesländern häufig nicht verstehen können, warum ich ein halbes Jahr mehr zur Schule gegangen bin und das System nicht durchblicken, bin ich froh darum mein Abitur in Rheinland-Pfalz gemacht zu haben!“

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