Generation Corona: Ja, es gibt sie! Was jetzt daraus folgen muss

| Kategorie: Kategorie: Meinung | 5 Minute(n) Lesezeit

Alles redet von der Generation Corona. Aber gibt es diese wirklich? Ja, sagt Nele Kerth (16), Schülerin aus Frankenthal. Nicht wenige Schüler seien in den vergangenen zwei Jahren in ihren Leistungen abgerutscht. Viele hätten psychische Probleme. Nele Kerth, die bei der CDU Rheinland-Pfalz ein Praktikum absolviert hat, fordert von der Politik, sich stärker um die Jugendlichen zu kümmern.

„Ich erinnere mich noch genau an den Beginn des Lockdowns im März 2020. Zwei Wochen sollten die Schulen geschlossen bleiben. Mancher schaute auf sein Handy und freute sich. Aus zwei Wochen wurden dann zwei Jahre Pandemie.

Es ist immer wieder von der Generation Corona die Rede. Gemeint sind junge Menschen, die mit Restriktionen, Masken, Testen und Homeschooling aufgewachsen sind. Gibt es sie wirklich – diese Generation? Oder wird die gesamte Situation zu sehr auf die Goldwaage gelegt und die Pandemie hat sich nur in kleinem Ausmaß auf die Jugendlichen ausgewirkt?

Die anfängliche Euphorie wegen der schulfreien Wochen ebbte schnell ab, als die Schüler merkten, dass Lockdown nicht faulenzen und entspannen hieß. Online-Unterricht, freizeitliche Einschränkungen und Kontaktereduzierung waren bald der Alltag.

Am Anfang der Pandemie konnte noch kaum von Home-Schooling die Rede sein

Am Anfang der Pandemie konnte noch kaum von Home-Schooling die Rede sein. Viele Schulen waren auf eine solche Situation nicht richtig vorbereitet, es fehlte an technischer Ausstattung. Die Umstellung von Präsenz- auf Online-Unterricht lief eher schleppend. Als nach Wochen die ersten Aufgaben über die App ‚Moodle‘ eintrudelten, waren viele Jugendliche noch motiviert, von zuhause aus zu arbeiten. Ich kann von Glück sprechen, dass mein damaliger Klassenlehrer sehr technikaffin war. Er stand uns Schülern stets zur Seite und zeigte seinen Kollegen, wie man über Skype Unterricht hält. Anders als die meisten anderen Klassen hatte meine Klasse täglich mehrere Stunden Online-Konferenzen, sodass wir kaum Unterrichtsstoff verpasst haben. Andere Schüler hatten in der gesamten Zeit des Lockdowns kein einziges Mal Unterricht, da es Lehrern an Engagement fehlte. Hier entstand also schnell die sogenannte Bildungslücke, die leider oft fehlerhaft mit der Faulheit der Schülerschaft begründet wird.

Die neu gewonnene Freizeit wurde von den meisten für Aktivitäten an der frischen Luft genutzt. Denn Partys, Festivals und Kontaktpflege waren während des Lockdowns nicht mehr möglich. Zum einen fehlten die sozialen Kontakte, zum anderen stiegen die schulischen Anforderungen. Jeden Tag wurde eine große Anzahl an Hausaufgaben eingefordert, während täglich Online-Meetings stattfanden.

Als Schüler in der Pandemie hatte man das Gefühl, dass einige Lehrer mehr Stoff bearbeiten wollten als noch vor Corona. Unterrichtsfächer, die einst zweistündig pro Woche gehalten wurden, nahmen im Lockdown das Ausmaß eines Hauptfachs ein. Sicherlich war es für die Lehrer aber auch schwer einzuschätzen, wie viel Aufgabenmaterial genug ist. Und nach Absprache haben auch einige ihren Stoff reduziert. Jedoch nicht alle.

E-Mail-Accounts der Lehrer hätten längst bestehen müssen

Zur Kommunikation ist generell rückblickend festzuhalten, dass man schon vor der Pandemie ein Netzwerk hätte aufbauen sollen, worüber die Schüler und Lehrer miteinander kommunizieren können. Denn mitten im Lockdown war es manchmal unmöglich, einen Lehrer zu erreichen, da die Server der bundesweit genutzten App ‚Moodle‘ überlastet waren. E-Mail-Accounts der Lehrer wurden erst nach mehreren Monaten eingerichtet. Das war wichtig. Allerdings hätten diese längst bestehen müssen.

Die Motivation der Schüler sank von Woche zu Woche. Viele waren mit der Situation überfordert. Immer weniger machten bei den Online-Konferenzen mit. Auch die Schulaufgaben wurden weniger sorgfältig bearbeitet. Die Lehrer hat dies verärgert; sie informierten die Eltern über das Arbeitsverhalten der Jugendlichen. Ich kann einerseits verstehen, dass die Mitarbeit und Aufmerksamkeit der Schüler erwünscht war. Andererseits muss ich aus Sicht der Schülerschaft auf die Ursachen dieser Arbeitsmoral hinweisen. Es lag und liegt nicht an der Kompetenz und dem Fleiß des Schülers, sondern an der auf Dauer unzumutbaren Situation. Ich hatte den Eindruck, dass auf die Schülerinnen und Schüler mit wachsender Dauer der Pandemie immer weniger Rücksicht genommen wurde. Weil es hieß: Wir haben uns doch alle an die Umstände gewöhnt. Das Leben muss weitergehen.

Nein, das Leben konnte so für die jungen Erwachsenen nicht weitergehen. Die Noten wurden immer schlechter und einige Schüler hätten ihre Jahrgangsstufe eigentlich nicht geschafft. Doch sie hatten die Absicherung, dass wegen der Pandemie niemand sitzenbleiben durfte. Nur die wenigsten haben sich darauf ausgeruht und es gab auch ein paar Jugendliche, die freiwillig die Klasse wiederholt haben, um den Stoff nochmals ausführlich zu lernen.

Zahl der Depressionen bei Jugendlichen hat stark zugenommen

Der Kinder- und Jugendreport der DAK-Hessen zeigt, dass 2020 zwölf Prozent mehr Jugendliche als im Vorjahr im Alter zwischen 15 und 17 Jahren erstmals mit einer Depression diagnostiziert wurden. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sind durch die Pandemie zusätzlich 477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren von depressiven Symptomen betroffen. Je mehr Zeit man in Isolation zuhause verbrachte, desto mehr musste man sich mit sich selbst auseinandersetzen. Jugendliche haben sich mit vielen Fragen unfreiwillig herumplagen müssen. Fühle ich mich in meiner eigenen Haut wohl? Was sind meine Makel und was könnte an mir schöner sein? Bin ich gut genug? All das und vieles mehr beschäftigte die Jugendlichen während der Pandemie.

Das zeigt: Die Generation Corona existiert mit all ihren Benachteiligungen.

Es muss höchste Priorität haben, dass die Generation Corona vom Staat sowie von den Schulen direkte Unterstützung erhält. An meiner Schule gibt es eine ‚Lernbörse‘ – ältere Schüler geben den jüngeren auf freiwilliger Basis Nachhilfe. Diese Art der Hilfe muss ausgebaut werden, sodass die von Corona verursachte Bildungslücke aufgeholt werden kann. Und es kann nicht sein, dass dieses Geld – Bundesmittel – verwendet wird, um Lücken bei bereits vorhandenem Personalmangel zu stopfen.

Das für mich wichtigste Schlagwort lautet: Verständnis zeigen

Ich fordere, dass mehr Geld des Staats in Bildung fließt, damit die Digitalisierung der Schulen vorangetrieben wird. Schüler und Lehrer müssen stärker über das Internet kommunizieren können. Zudem halte ich es für sinnvoll, wenn mehrmals pro Woche Nachhilfe von Lehrern in Hauptfächern für verschiedene Klassenstufen angeboten wird. Direkt vor Ort bietet sich den Schülern die Möglichkeit, Fragen zu stellen und verpassten Stoff nachzuholen.

Das für mich wichtigste Schlagwort lautet: Verständnis zeigen. Wenn man versucht, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen, kann das die Lerngemeinschaft zusammenschweißen. Lehrer und Schüler sitzen im selben Boot. Mit Bemühung und Geduld fühlt sich die Generation Corona verstanden.“

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