„Putin wird an der Sache scheitern“

| Kategorie: Kategorie: Interview | 3 Minute(n) Lesezeit
Das Archivbild zeigt Hansjürgen Doss auf einer Veranstaltung mit der damaligen Kanzlerin Angela Merkel sowie Prof. Dr. Maria Pryshlak, Rektorin der Ukrainischen Freien Universität, München.

Bei Hansjürgen Doss laufen die Telefone heiß. Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete aus Mainz ist profunder Kenner der Ukraine und widmet sich seit Jahren den Beziehungen zu dem osteuropäischen Land. Er ist Honorarkonsul der Ukraine und Ehrenpräsident der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft für Wirtschaft und Wissenschaft e.V. Wir sprachen mit Doss über den Krieg in der Ukraine.

Herr Doss, Sie engagieren sich seit Jahren für die deutsch-ukrainischen Beziehungen. Mit seinem Angriffskrieg droht Putin ein ganzes Land auszulöschen. Wie geht es Ihnen innerlich?

Ich konnte und kann es nicht begreifen. Ein Krieg mitten in Europa, Bomben auf Städte, Tote und Verletzte, und das keine zwei Flugstunden von uns entfernt. Ich bin überrascht, auch stolz, wie sehr das ukrainische Volk um seine Freiheit und Unabhängigkeit kämpft.

… aber mit hohem Blutzoll.

Sie wehren sich ja nur gegen Invasoren.

Die Politik hat sich „überrascht“ von Putins Überfall gezeigt. Doch so überrascht konnte man doch gar nicht sein nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen…

Klar, wir haben die Truppenbewegungen in Russland und Belarus gesehen. Viele, auch ich, sind von einem Angriffskrieg ausgegangen, dachten aber, dass Putin über die besetzten Regionen Donezk und Luhansk einen Landweg zur Krim herbeiführen will. Dass er die gesamte Ukraine angreift, habe ich nicht für möglich gehalten. Sollte er siegen, so bleibt doch das Problem des riesigen Territoriums der Ukraine. Wie will er dieses zweitgrößte europäische Land mit 40 Millionen Einwohnern unter Kontrolle halten? So viele Geheimdienst-Leute hat er gar nicht, um jeden zu bespitzeln. Zudem treffen die Sanktionen die russische Wirtschaft schwer.

Das wäre dann ein Pyrrhussieg.

So ist es.

Die westliche Weltgemeinschaft zeigt sich geschlossen und entschlossen. Angesichts des Ukrainekriegs rückt sie näher zusammen. Hat sich Putin verzockt?

Prognosen sind immer schwierig. Ich glaube aber, dass er an der Sache scheitern wird. Er hat sich nicht vorstellen können, dass die Ukraine sich so stark zur Wehr setzt. Die Nato hat sich formiert. Die Weltöffentlichkeit hat ihn ins abseits gestellt. Er steht jetzt in der Ecke und ich habe den Eindruck, dass er nicht weiß, wie er da wieder rauskommen will.

Welche Fehler wurden gemacht – hätte man nicht schon nach der Besetzung der Krim härter vorgehen müssen?

Ich denke schon. Da herrschte wieder wunschvolles Denken. Aber auch bei der Ausrüstung und dem Aufbau der Bundeswehr hat man die Zeichen der Zeit nicht erkannt, auch unsere Partei. Es ist zudem ein Skandal, dass ein früherer SPD-Bundeskanzler, einer der engsten Freunde Putins, im Aufsichtsrat russischer Energiekonzerne sitzt. Die SPD sollte sich von ihm trennen. Aber dort gibt es in dieser Frage ja selbst unterschiedliche Auffassungen…

Siehe Manuela Schwesig, die mit der Auflösung der Stiftung jetzt hektisch das Ruder herumgerissen hat.

Es ist völlig unglaubwürdig, wie schnell diese Kehrtwende jetzt von statten gegangen ist. Und der indifferente Bundeskanzler hängt sein Fähnchen in den Wind, je nachdem, woher der Wind gerade bläst. Das ist keine Führung, weder intellektuell noch tatsächlich. Es ist zu wenig, nur auf die jeweilige Situation zu reagieren.

Wie sind Ihre derzeitigen Kontakte in die Ukraine?

Ich hänge nur am Telefon, helfe beispielsweise geflüchteten Ukrainern, eine Unterkunft zu finden. Darunter etwa die Familie eines Mädchens, um das ich mich seinerzeit nach einem Unfall gekümmert hatte. Die sind bereits hier. Es haben sich auch mehr als ein Dutzend Leute bei mir gemeldet, weil sie kämpfen wollen – US-Amerikaner, Polen beispielsweise. Die habe ich an die ukrainische Botschaft verwiesen.

Jetzt droht die humanitäre Katastrophe, gerade in den eingekesselten Städten.

Ja. Allerdings ist die Hilfe aus Deutschland überwältigend. Spenden kann man zum Beispiel über die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft e.V. in Mainz (https://dug-ww.org), deren Ehrenpräsident ich bin.

Der ukrainische Präsident Selensky fordert die Aufnahme der Ukraine in die EU. Doch so schnell kann das gar nicht gehen, oder?

Die Mitgliedstaaten müssen dem zustimmen. Ich halte es politisch für absolut vertretbar, diese Perspektive aufzuzeigen. Klar ist auch: Wäre die Ukraine in EU und Nato, hätte sich Putin diesen Überfall nicht erlauben können.

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