„Warum ich letzte Woche mit den Montags-Demonstranten gelaufen bin“

| Kategorie: Kategorie: Meinung | 2 Minute(n) Lesezeit

Christoph Gensch ist nach Veröffentlichungen zu Corona heftig auf Facebook und Co. attackiert worden – und hat die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet. Der Landtagsabgeordnete und Arzt hat sich dennoch der Debatte gestellt: In Zweibrücken hat er an einer Montags-Demo teilgenommen und mit den Leuten vor Ort gesprochen. Was bewegt die Demonstranten? Seine Eindrücke schildert er hier.

„Corona bewegt. Seit Beginn der Pandemie gehen mit der Corona-Bekämpfung massive Einschränkungen einher. Ein großer Teil der Bevölkerung trägt diese mit, ein anderer Teil geht dagegen auf die Straße. Ich wollte hören, was die Menschen bewegt, die montags – auch hier in Zweibrücken – auf die Straße gehen. Hören, welche Argumente sie haben. Wo es Angste gibt. Wie und in welcher Form staatliche Maßnahmen abgelehnt werden. Leichtgefallen ist es mir nicht, denn ich wurde vor einigen Wochen auf Social Media von Maßnahmen- und Impfgegnern massiv attackiert und bedroht. So massiv, dass ich mich gezwungen sah, die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Das ist ein Beispiel für eine Art von Kritik, die inakzeptabel ist.

Letzte Woche habe ich aber auch mit vielen Menschen gesprochen, die ihre Kritik sachlich und fair vorgetragen haben. Die keine Extremisten sind. Die mir berichtet haben, wie sehr ihr Alltag im Augenblick eingeschränkt ist: die über Existenzängste berichtet haben, über Vereinsamung, dass kein Friseur- oder
Restaurantbesuch mehr möglich ist usw. Das sind alles Dinge, die mir die Menschen geschildert haben. Und ich nehme das sehr ernst. Es ändert nichts an meiner grundsätzlichen Überzeugung, dass die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung notwendig und geboten waren und sind.

Mir ist in diesem Zusammenhang vor allem wichtig, auch weiterhin dialogbereit gegenüber den Menschen zu sein, die Argumenten zugänglich sind – so anstrengend das auch sein mag. Wir dürfen nicht müde werden, uns auszutauschen.

Es ändert nichts daran, dass teilweise artikulierte Verschwörungstheorien auch Verschwörungstheorien bleiben. Es ändert auch nichts daran, dass ich vom medizinischen Sinn der Impfung nach wie vor überzeugt bin und mir bisher kein einziges Argument begegnet ist, welches dagegenspräche. Aber: Ich verstehe auch, dass es Menschen gibt, die sich zur Zeit massiv in die Enge gedrängt fühlen. Die im persönlichen Umfeld eine harte Ablehnung bis hin zum Kontaktabbruch erfahren, teilweise innerhalb der eigenen Familie. Die Verwandte in Alten- und Pflegeheimen seit Monaten nicht mehr besuchen können. Die ihrerseits auch mit tagtäglichen Zurückweisungen und Verunglimpfungen leben müssen. Diese Erfahrung konnte ich während meines Montagsspaziergangs auch machen. Nicht wenige vorbeifahrende Autofahrer zeigten den Teilnehmern den ‚Vogel‘, den ‚Stinkefinger‘ oder ähnliches.

Mir ist in diesem Zusammenhang vor allem wichtig, auch weiterhin dialogbereit gegenüber den Menschen zu sein, die Argumenten zugänglich sind – so anstrengend das auch sein mag. Wir dürfen nicht müde werden, uns auszutauschen. Und wir müssen immer versuchen, Menschen nicht auszuschließen, sondern zusammenzuführen. Wir müssen Verbindendes hervorheben und nicht Trennendes permanent betonen. Und ja, auch keiner der politisch Verantwortlichen ist bei der Pandemiebekämpfung im Besitz der absoluten Wahrheit. Wie wirksam bestimmte Maßnahmen waren, werden wir nach Ende der Pandemie analysieren müssen und unsere Ableitungen für zukünftige Fälle ziehen, in denen uns pandemische Lagen bedrohen. Wahrscheinlich werden wir uns auch viel verzeihen müssen. Ich bin bereit, auf Menschen mit anderen Meinungen einen Schritt zuzugehen und hoffe, dass andere es auch tun. Nur dann finden wir als Gesellschaft wieder zusammen, wenn diese Pandemie hoffentlich bald ein Ende findet.“

Jetzt teilen:

Weitere 
neue Beiträge:

  • Die Bundesregierung vermasselt die Entlastung der eigenen Bürger

    Die Bundesregierung vermasselt die Entlastung der eigenen Bürger

    Für intensiven Diskussionsstoff sorgt die von der Bundesregierung beschlossene Gasumlage. Kern sind Ausgleichszahlungen an die Gasimporteure. Für einen vierköpfigen Durchschnittshaushalt…

  • Zeit, den Panikmodus zu verlassen

    Zeit, den Panikmodus zu verlassen

    Die Bundesregierung plant neue Corona-Schutzmaßnahmen. Der CDU-Gesundheitsexperte Erwin Rüddel, Bundestagsabgeordneter aus Neuwied, hält den eingeschlagenen Weg für einen Irrweg. Er…

  • Chaos im Nahverkehr für 9 Euro

    Chaos im Nahverkehr für 9 Euro

    Der Deutsche Bundestag hat am 19. Mai 2022 mit der Mehrheit der Ampel die Einführung des „Neun-Euro-Ticket“ beschlossen. Für einen…