Landluft ist gesund aber stimmt auch die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum?

| Kategorie: Kategorie: Meinung | 10 Minute(n) Lesezeit

Die Menschen werden immer älter, die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und mehr als Tausend Hausärzte werden in den kommenden Jahren in Rheinland-Pfalz in den Ruhestand gehen. Die Situation ist dramatisch – und es muss dringend umgesteuert werden, sagt Dr. Fred-Holger Ludwig. Der Frauenarzt und Chef der Senioren-Union des Bundeslandes hat eine ganze Palette an Forderungen und Anregungen zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, die wir hier im Wortlaut veröffentlichen. 

„Um die Prävention und die Gesundheitsförderung in unserem Land weiter mitzugestalten, hat sich die Senioren-Union der CDU Rheinland-Pfalz unter meiner Leitung als stellvertretender Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

In unserem Bundesland gibt es immer mehr eine Ausdünnung der gesundheitlichen Versorgung besonders im ländlichen Raum. Immer mehr geburtshilfliche Abteilungen werden aufgelöst. Immer mehr hausärztliche Praxen werden wegen altersbedingter Aufgabe nicht mehr neu besetzt.

Nehmen wir den Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen in Rheinland-Pfalz 2016 bis 2021 als Grundlage für unsere Vorschläge, so zeigt sich, dass es besonders in der gesundheitlichen Versorgung im ländlichen Raum deutliche Defizite, gibt, die dringend behoben werden müssen. So heißt es u.a.:

‚Wir werden in Abstimmung mit den Partnern im Gesundheitswesen zielgerichtete Maßnahmen ergreifen, die es für jüngere Hausärztinnen und Hausärzte attraktiv machen, in Rheinland-Pfalz tätig zu werden. Auch die Situation der Fachärztinnen und Fachärzte sowie der Zahnärztinnen und Zahnärzte gerade im ländlichen Raum werden wir im Blick behalten. So werden wir den ‚Masterplan zur Stärkung der ambulanten hausärztlichen Versorgung‘ gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern weiter fortführen und durch neue Maßnahmen ergänzen. … Im Mittelpunkt der rheinland-pfälzischen Gesundheitspolitik stehen die Bürgerinnen und Bürger. Alle Menschen in Rheinland-Pfalz sollen die gleiche Chance haben, gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden‘.

Bezüglich des ländlichen Raums gibt es deutliche und gravierende Besonderheiten im Rahmen physischer, sozioökonomischer und kultureller Einflussgrößen. So ist es medizinisch statistisch gesichert, dass Kinder auf dem Land deutlich seltener sogenannte affektive Störungen und immunmäßig eine bessere Ausgangslage haben. Erwachsene auf dem Land haben weniger affektive Störungen bzw. Depressionen und sind weniger von allergischen Erkrankungen wie Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis und Insektengiftallergien betroffen.

Die Ressourcen des ländlichen Raums können sich positiv auf die Gesundheit auswirken

Die Ressourcen des ländlichen Raums können sich positiv auf die Gesundheit auswirken und die sich immer mehr ausbreitende Alterseinsamkeit – besonders derzeit coronabedingt – durch eine ländliche, soziale Verbundenheit verhindern oder zurückdrängen.

Hierbei kommt den Kommunen eine ganz bedeutende Rolle zu. Gemäß ihrem Auftrag zur Daseinsvorsorge (Art. 28 Abs. 2 GG) haben sie das Recht und die Pflicht, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln. Das heißt, wir brauchen zur Gestaltung dieser Daseinsvorsorge ein neues und modernisiertes Verständnis kommunalen Handelns und einen anderen Blick auf die kommunale Verantwortung.

Damit wird gewährleistet, dass gesellschaftliche Teilhabe, gesundes Altern unbedingt zur gesellschaftlichen Integration gehört. So muss die Infrastruktur sozialer Dienstleistungen und Einrichtungen im Sinne des Pflegestärkungsgesetzes und der Neuorientierung der Pflegegrade weiterentwickelt werden. Dies gilt besonders nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes (BAG) zum Thema 24- Stundenpflege und Bezahlung nach Tariflöhnen. Dies besonders im Hinblick auf die Struktur der ländlichen Räume, wo gerade im Rahmen der Ehrenamtlichkeit, Nachbarschaftshilfe und Krankenpflegevereine noch sehr viel Engagement besteht. Nur stößt auch das ehrenamtliche Engagement irgendwann an seine Grenzen.

Weltweit sterben jede Minute fünf Menschen wegen einer falschen medizinischen Behandlung und nicht zuletzt wegen einer fehlerhaften medikamentösen Therapie. Davon alleine in Deutschland ca. 60.000 Menschen im Jahr. Das Bundesgesundheitsministerium geht jährlich von ca. einer Million arzneimittelbedingter Krankenhauseinweisungen (10%) aus, was u.a. das Solidarsystem mit ca. vier Milliarden Euro belastet. Deshalb gehört zur Umsetzung der Arzneimittelsicherheit, dass man ab einem bestimmten Alter oder bei einer bestimmten Erkrankung für einen gewissen Zeitabschnitt möglichst nur noch Medikamentenverordnungen geblistert (vorportioniert) rezeptiert.

Es darf und kann nicht sein, dass es als ausreichend erachtet wird, wenn die nächste diensthabende Apotheke 25 km Luftlinie entfernt ist.

Auch die Mobilität spielt in der Medikamentenversorgung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Es darf und kann nicht sein, dass es als ausreichend erachtet wird, wenn die nächste diensthabende Apotheke 25 km Luftlinie entfernt ist, was in einer Vereinbarung der Landesapothekenkammer mit der Landesregierung Rheinland-Pfalz festgelegt wurde.

Des Weiteren ist es als unbedingt notwendig zu erachten, dass bei älteren multimorbiden Menschen, mindestens ab dem vollendeten 64. Lebensjahr, eine Erstattung von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln durch die Krankenkassen übernommen wird, um die beschriebenen Komplikationen zu vermeiden. Auch muss dringend über die Einführung eines Senioren-Check-Ups, der entsprechend der Kindervorsorgeuntersuchung von den Krankenkassen bezahlt wird, nachgedacht werden.

Nun, wie sieht es mit der gesundheitlich hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum, ja auch grenzüberschreitend aus? In einer Randnotiz der Tageszeitung Rheinpfalz stand:

‚Hausärzte erhöhen die Lebenserwartung. Die Sterberate bei Krebs, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen sinkt, je mehr niedergelassene Ärzte es gibt. Zehn Hausärzte mehr pro 100.000 Einwohner führen zu einer Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung der Bevölkerung um 51,5 Tage‘.

Deshalb ist die Quotenregelung für die Zulassung von Medizinstudenten, wenn diese nach dem Studium den Beruf des Hausarztes aufnehmen, der erste richtige Schritt. Bis zur Niederlassung als Haus- bzw. Landarzt dauert es aber mindestens 12 bis 14 Jahre. In der Zwischenzeit muss aber durch Land, Kommune und Selbstverwaltung der Ärztinnen und Ärzte ein Weg beschritten werden, der die brennenden Probleme auf dem Lande löst. Etwa über die Abschaffung des Numerus Clausus, damit jeder die Möglichkeit hat, das Studium der Medizin anzugehen (evtl. in Vorbereitung auf das Studium mit erweiterten pflegerischen Praktika).

Was getan werden muss:

1. Schaffung von mehr Studienplätzen der Medizin, wenn möglich an einer zweiten Universität in Rheinland-Pfalz. Da wir in Rheinland-Pfalz eine europäische Grenzlandregion sind, ist zu überlegen. ob es nicht möglich wäre, diese in Form einer grenzüberschreitenden Medizinischen Hochschule in Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich z.B. zwischen Weißenbürg und Schweigen oder zwischen Trier und Luxemburg zu etablieren. So wären die entstehenden Kosten für Rheinland-Pfalz, in Verbindung mit Europa, sicher zu minimieren.

2. Die Politik – besonders die Landespolitik – sollte dringend mithelfen, dass der bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) angesiedelte Sicherstellungsauftrag mit den Kommunen auf Augenhöhe erörtert wird.

Die Nachbesetzung einer frei werdenden Arztstelle muss in dem Ort stattfinden, in dem der Arztsitz vorher vorhanden war.

Ferner bräuchten wir die Veränderung der Bedarfsplanung der KV in der Form, dass eine Nachbesetzung einer frei werdenden Arztstelle in dem Ort stattfinden muss, in dem der Arztsitz vorher vorhanden war. Ein Punkt im Bereich der ambulanten Pflege wäre die Erweiterung der super arbeitenden Sozialstationen um einen psychiatrischen Pflegedienst, da immer mehr ältere und alte Menschen – nicht zuletzt durch die Alterseinsamkeit – an depressionsartigen Zuständen leiden. Diese Form der kombinierten Sozialstation würde u.a. den Drehtüreffekt mit stationären psychiatrischen bzw. psychiatrisch-geriatrischen Einrichtungen vermeiden.

Wer glaubt, nur durch eine Umorganisation das Problem der ärztlichen Versorgung zu lösen, ohne mehr Ärztinnen und Ärzte auszubilden, wird scheitern. Es ist alles daran zu setzen, dass beim hausärztlichen Nachwuchs der Erhalt der persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung in freier Berufstätigkeit mit einer weiteren durchgreifenden Verbesserung der Situation der Allgemeinärzte in Priorität angegangen wird.

Gesundheitstreffs (nicht nur) zur Überbrückung des derzeitigen ärztlichen Mangels im ländlichen Raum

Dabei könnte nicht nur zur Überbrückung des derzeitigen ärztlichen Mangels auf dem Lande die Errichtung kleiner kommunaler Gesundheitszentren bzw. Gesundheitstreffs Abhilfe schaffen. Eine Kombination mit den vom Verband der Ersatzkassen (VdEK) bereits vorgeschlagenen ‚Pflegekompetenzzentren‘ könnte unsere Vorstellungen sehr sinnvoll ergänzen.

Konkrete Punkte: Anstellung einer Gemeindeschwester durch die Kommunen bzw. mit Finanzierungshilfe von Land / Krankenkassen. Diese könnte in einem kleinen kommunalen Gesundheitszentrum oder Gesundheitstreff tätig sein und ärztlich angeordnete bzw. selbständige ärztliche ‚Hilfstätigkeiten‘ verrichten (Spritzen, Wundverbände, Sichern von Tabletteneinnahme, Facharzttermine arrangieren usw.).

Innerörtliches kommunales Gesundheitszentrum in jedem Gemeinde- bzw. Bürgerhaus (bei zwei nahe gelegenen Gemeinden auch gemeinsam) in Kommunen, die ohne Hausarzt sind oder deren Bürger durch einen in einer Nachbargemeinde tätigen Hausarzt mitversorgt werden. In diesem Gemeindehaus werden zwei Räume zur Verfügung gestellt, die nach Absprache von niedergelassenen Kollegen für Basissprechstunden (Blutdruckmessung, Rezepte ausstellen usw.) sowie zur Besprechung mit der Gemeindeschwester bzgl. weiterer Patientenbetreuung genutzt werden können.

Voraussetzung bei Installierung dieses Projekts ist auch eine höhere Vergütung durch die Krankenkassen als in dem Fall, dass der Patient in die Praxis kommt. Obwohl das Wartezimmer gerade für viele ältere Menschen inzwischen ein Kommunikationszentrum darstellt, wird dadurch der Patientendurchlauf in der eigentlichen Praxis entlastet und die Qualität durch massiven Zeitdruck nicht beeinflusst.

Diese „Treffs“ können dann auch z.B. für Ernährungsberatung, Renten- und Sozialberatung, Pflegeberatung und andere Beratungstätigkeiten genutzt werden.

Gleichzeitig wäre auch eine zahnärztliche Präventionssprechstunde in diesen Räumen möglich, denn gerade bei älteren Menschen muss die dentale Situation einen deutlich höheren Stellenwert haben als er heute vorhanden ist. Ein guter Zahnstatus zählt gerade bei älteren Menschen zu Verbesserung der Lebensqualität und muss Teil einer gesundheitlichen Prävention sein.

Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Treffs, unter Einbeziehung der Krankenschwester, muss die Sicherung der Lebensgrundlage der vielfältig ländlichen Lebensräume in unserem Lande sein.

Erweiterung der Sozialstation mit einer psychiatrischen Fachkraft zur Ausweitung der ambulanten psychiatrischen Versorgung.

Gerade im Alter wird nicht nur die Altersarmut zu einem gesellschaftlichen und medizinischen Problem, sondern ganz besonders die Alterseinsamkeit. Der Bewegungsradius einer älteren alleinstehenden Person nimmt deutlich ab. So kommt es in nicht wenigen Fällen zu mehr oder weniger ausgeprägten Altersdepressionen. Oft landen alleinstehende ältere Menschen stationär in psychiatrischen Kliniken. Dort werden sie „ambulanzfähig“ gemacht und entlassen. Bei erneuter Symptomatik erhalten sie gleiche Therapie und kommen wieder stationär mit identischem Prozedere. Durch die oftmalige Wiederholung kommt es zu einem Drehtüreffekt mit der Folge einer stationären Pflege im Altenheim. Hier könnte die Kompetenz einer zusätzlichen psychiatrischen Betreuung durch die Sozialstation deutlich verbessert werden.

Grenzüberschreitende gesundheitliche Versorgung durch Landärzte, Apotheken und Krankenhäuser spielen auch eine nicht zu unterschätzende Rolle in den Grenzregionen unseres Landes.

Grenzüberschreitende gesundheitliche Versorgung durch Landärzte, Apotheken und Krankenhäuser spielen auch eine nicht zu unterschätzende Rolle in den Grenzregionen unseres Landes. Hier muss eine einheitliche Kostenübernahmeregelung zwischen dem französischen, belgischen, luxemburgischen und dem deutschen Sozialsystem erreicht werden. Entbindungen müssen unter den Voraussetzungen der Sicherheit für Mutter und Kind sowohl in deutschen als auch in benachbarten europäischen Krankenhäusern möglich sein.

Gleichzeitig muss die Möglichkeit vorhanden sein, erhaltene Kassenrezepte beiderseits der Grenzen in den Apotheken einzureichen und das entsprechende Medikament zu erhalten, ohne anschließend einen Kampf mit den jeweiligen Sozialsystemen wegen der Erstattung führen zu müssen.

Seit der Einführung des DRG-Systems (Diagnose Related Groups) in der Krankenhausabrechnung ist immer wieder festzustellen, dass vermehrt Patienten auf Grund der Fallpauschale verfrüht nach Hause geschickt werden obwohl das Krankenhaus verpflichtet wäre, im Vorfeld ein Entlass-Management durchzuführen. Gerade bei Bürgerinnen und Bürgern im ländlichen Raum hat dies zur Folge, dass viele von Ihnen nur schwer zur ambulanten Nachbehandlung das vorher behandelnde Krankenhaus aufsuchen können.

Im Bereich der Krankenhäuser könnten ‚Krankenmotels‘ errichtet werden

Deshalb schlagen wir vor, dass im Bereich des Krankenhauses ein ‚Krankenmotel‘ eingerichtet wird, in dem die Patienten bis zur ‚Heilungsentlassung‘ bleiben können und sie gleichzeitig eine regelmäßige Nachuntersuchung erhalten. Hierfür würden sich z. B. still gelegte Stationen anbieten. So werden besonders sogenannte ‚blutige Entlassungen‘ vermieden. Auch evtl. auftretende postoperative Infektionen wird massiv vorgebeugt.

Wenn diese unsere Vorschläge wenigstens zum Teil in unserem Bundesland umgesetzt werden würden, hätten junge und alte Bürger davon einen großen Nutzen.“

Sanitätsrat Dr. med. Fred-Holger Ludwig
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Senioren Union der CDU
Landesvorsitzender der Senioren Union der CDU Rheinland-Pfalz

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